Habemus Baumstamm
Wie der Bildhauer Józek Nowak die Holzvorlage für ein Bronzedenkmal von Johannes Paul II. erstellt - eine Langzeitbeobachtung
 

Holz, es riecht nach Holz. Tisch aus Holz, Stühle aus Holz, Fensterrahmen aus Holz, Treppe aus Holz. Das ganze Haus ist aus Holz. Aber besonders intensiv nach Holz riecht Józek Nowak.

 Nowak ist Bildhauer, und wenn er aus dem Wäldchen zwischen Pöcking und Starnberg kommt, seinem Freiluftatelier, in dem er stundenlang auf einen Baumstamm eingeschlagen hat, dann riecht er selbst wie ein Baum, der frischen Späne wegen, die an ihm kleben. Man kann dann nicht nur am Holzduft erkennen, dass Józek Nowak von der Arbeit kommt. Man kann an der Größe der Späne auch jedesmal sehen, in welchem Stadium die Skulptur ist, an der er gearbeitet hat: fast fertig, wie die Büste des Mädchens? Dann sind die Späne fein, wie die Beilschläge, durch die sie anfallen. Oder noch nahezu roh, wie die überlebensgroße Figur von Johannes Paul II., für die er tags zuvor erst den passenden Eichenstamm gefunden hat? Dann sind die Späne grob, wie die Arbeit selbst.

Nowak arbeitet immer parallel an mehreren Skulpturen, "des frischen Blicks wegen. Wenn man zwischendurch an etwas anderem arbeitet, weiß man wieder, worum es geht, wenn man zurückkommt." An diesem Septembertag ist er mit fingerlangen Spänen übersät. Er hat die Kettensäge an den Papst gelegt.

 Das Erzbistum in Hamburg hat nach dem Tod von Johannes Paul II. auf Anregung der katholischen polnischen Gemeinde, deren Anteil im Bistum fast zehn Prozent beträgt, einen Wettbewerb zur Fertigung der Skulptur ausgeschrieben. Ein polnischer Bildhauer sollte sie herstellen, und Nowak aus der Gegend von Wojtylas Heimat Wadowice, der seit 13 Jahren in Pöcking am Starnberger See lebt, hat den Zuschlag bekommen. Am 23. April wird vor dem Hamburger St.-Marien-Dom ein Bronzeguss von Józek Nowaks Holzarbeit aufgestellt werden.

 

Stunde um Woche um Monat

In Polen steht heute in jedem zweiten Dorf ein Wojtyla-Denkmal, die meisten zeigen einen jugendlichen Superhelden, den wenig Transzendenz umgibt. Nowak hat als Motiv einen alten, gezeichneten Wanderer vorgeschlagen. Dieser andere Blick und die Idee zur Umsetzung waren Gründe dafür, dass er unter den Bewerbern ausgewählt wurde. "Finden Sie mal einen Bildhauer, der Ähnlichkeit erzeugen und dazu etwas Unkonventionelles machen kann, ohne dabei um jeden Preis auffallen zu wollen, indem er die Oberfläche kariert oder sprenkelt", sagt Bernhard Schwichtenberg, Professor an der Muthesius-Kunsthochschule in Kiel, der in der Wettbewerbsjury saß. "Man braucht eine Handschrift. Józek Nowak hat diese Handschrift. Man erkennt eine Arbeit von ihm auf 100 Meter."

Mit einer Kettensäge und einer Axt und nicht, wie üblich, mit einem ganzen Werkzeugkasten schafft er Tiefe, Übergänge, filigrane Charakterfeinheiten. Er ist der einzige, der so arbeitet. Mit der Kettensäge schält er in großen Scheiben die Rinde und das weiche unter ihr liegende Holz vom Eichenstamm ab, als wäre er eine Banane, sägt Kopf aus, Schultern und Rumpf, und bereitet so die Figur für die Feinarbeit mit der Axt vor. "Mit der Beschränkung auf eine Axt hat er sich einen Namen gemacht", sagt Schwichtenberg, "das kann niemand nachmachen, ohne sich auf ihn zu berufen."

Józek Nowak bei der Arbeit zu treffen, heißt deshalb aber auch, Zeit mitbringen zu müssen. Detail um Detail holt er aus dem mächtigen Stamm, Spreißel um Spreißel. Das dauert. Schäferhund Reksio liegt im Laub, die Linde hinter dem Schuppen wird erst gelb und dann kahl, Stunde um Stunde vergeht, Woche um Woche. Irgendwann Monat um Monat. Nach sieben Tagen Arbeit ähnelt seine Papstfigur bis in die Gesichtszüge hinein einer auf den Hinterfüßen stehenden Schildkröte, was daran liegt, dass die Figur zu diesem Zeitpunkt außer einer etwas vorstehenden Oberlippe noch keine Gesichtszüge hat, dafür einen gewaltigen panzerartigen Buckel. Zwei Wochen nach Beginn ist bereits eine deutliche Ähnlichkeit zum realen Vorbild vorhanden. Dann, nach drei Wochen, da ist es Mitte Oktober, sagt Nowak eines Morgens: "Überraschung!" Er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits bewiesen, dass seine Kunst harte körperliche Arbeit ist und Geduld erfordert. Aber nun hat er noch einmal einen neuen Stamm besorgt.

"Das Material", sagt er, "ist immer gegen den Künstler." Sein Material, Holz, ist wetterabhängig. Es dehnt sich, zieht sich zusammen. Wenn es trocken wird, reißt es. Das ist kein Problem, sondern Alltag. Das Problem ist der Umfang des Stammes. Das Denkmal soll über zwei Meter groß werden, da müsse die Figur, um glaubhaft alt und gezeichnet zu wirken, einen Umfang von mindestens 90 Zentimetern haben. Eine Eiche mit entsprechenden Maßen muss man erst einmal finden. "Der erste Baum war ein Schnellschuss. Ich hatte befürchtet, dass er zu klein sein könnte." Aber sicher war er erst, als er schon arbeitete.

Er ist nicht verärgert darüber, dass er so viel Zeit vergebens aufgewandt hat. "Ich rechne eine Figur ja nicht in Stundenlohn um, sonst sollte ich einen anderen Beruf machen." Er sagt nur, wie über einen geliebten Partner, mit dessen Schwächen man umzugehen gelernt hat: "Ich verstehe Holz." Dann beginnt er von neuem, Schlag um Schlag, Spreißel um Spreißel. Wenn in einem Lexikon also neben dem Wort "Ausdauer" einmal das Foto eines bärtigen Mannes mit einer 900 Gramm schweren Gränsfor-Bruks-Bildhaueraxt in der Hand auftauchen sollte, dann ist das Józek Nowak. Er ist 45 und ein gutes Beispiel für all die Künstler, die Abnehmer, aber keine große Öffentlichkeit haben; und die - überzeugt von der Richtigkeit dessen, was sie tun, auch wenn das gerade nicht als schick gilt - trotzdem weitermachen, insgeheim aber vielleicht auch darauf warten, dass die Zeit für ihre Kunstvorstellungen kommt.

 

Donk, donk, tock, tock, tick, tick

Heute, da kontrovers über moderne Kunst, abstrakte Malerei und Regietheater diskutiert und die Frage "Was soll noch kommen?" gestellt wird, da Bücher erscheinen, die vom Ende der modernen Kunst künden, scheint die Zeit für Józek Nowaks Kunstvorstellung zu kommen. Der New Yorker Kunstgeschichtsprofessor Donald Kuspit hat moderne Kunst in einem Buch zuletzt als selbstgefällig und bedeutungslos bezeichnet und kritisiert, dass das Banale oft über das Enigmatische gestellt werde. Traditionelle Verfahren, schrieb er, seien heute wieder "ein Ausweg und nicht der Feind". Kuspits Buch steht bei Nowak im Regal. "Das ist ambivalent", sagt er, "man kann ja jetzt nicht alles Andere vergessen. Es wird immer verschiedene Ansätze zur gleichen Zeit geben." Aber er sagt auch: Dass das traditionellere Arbeiten wieder mehr Bedeutung bekommen müsse, "das habe ich schon vor 15 Jahren gesagt." Arbeiten wie das Seine: die Schaffung von Holzwerken aus dem Geist des Handwerks.

Er hat an der Krakauer Kunstakademie studiert, wo die Ausbildung stets stark auf die handwerkliche Komponente konzentriert war. Die Orientierung der polnischen Bildenden Kunst an der Ideenbildung im Westen nennt Nowak heute "etwas provinziell. Viele Künstler haben das Land deswegen verlassen." Wie er. Allerdings hat die Pflege der handwerklichen Tradition auch dafür gesorgt, dass das technische Können in Polen bis heute, da die Kritik an moderner Kunst lauter wird, vorhanden ist. "In Westeuropa wurde lange gegen die Werkstatt unterrichtet", sagt Nowak, "aber das geht irgendwann wieder zurück." Und er, er ist dann schon da. Mit seiner Axt könnte er wohl einen Grashalm spalten, so gut beherrscht er sie. In einer Pause sagt er: "Ein Musiker fühlt die Harmonie. Ich fühle sie in der Skulptur auch." Es ist die Axt, mit der er sie erzeugt.

"Donk donk donk", macht es, wenn die Axt auf das Holz trifft, "tock tock tock" oder "tick tick tick". Und jeder Klang hat eine eigene Bedeutung. Wenn es tief und schwer "donk donk donk" macht, arbeitet Nowak an der Parkinson-Krankheit. Hart, im 90-Grad-Winkel, schlägt er dann auf das Holz ein und reißt tiefe Furchen. Wenn es dumpf tocktockt, beträgt der Schlagwinkel etwa 45 Grad, und Nowak arbeitet an Wojtylas in den letzten Lebensjahren hervortretenden Lippen. Und wenn es leise tickt und der Winkel, mit der die Axt auf das Holz trifft, sehr klein ist, bekommt der Papst einen schelmischen Zug um die Augen. Detail für Detail, donk donk, tock tock, tick tick, viereinhalb Monate lang. Je mehr sich die Arbeit ihrem Ende nähert, desto mehr nehmen die feinen, tickenden Schläge zu. Immer kleiner werden die Veränderungen an der Skulptur mit der Zeit, immer weniger beobachtbar.

Und irgendwann, da ist es Mitte Februar, sagt Józek Nowak, dass er fertig sei. Eine Abordnung aus Hamburg kommt zu Besuch, zur Feier des Tages gibt es Weißwürste und Wodka. Wie ein zusammengesunkener Fels steht die Skulptur auf einem Podest, mit hängenden Wangen, einen angedeuteten Wanderstab in der Hand, praktisch ohne Hals, die Schultern zu einer anatomischen Steilkurve verzogen, und sie umweht eine über das Motiv hinausreichende, auf das allgemein Menschliche verweisende Aura - etwas Irrationales, Transzendentes, fast etwas Katholisches. Jeder Beilhieb ist zu erkennen, am Rumpf ganz grob, im Gesicht furchenreich fein. Es gibt keine Glätten, nur Einschläge. Doch hinter der diffus wirkenden Oberflächenstruktur, die von all den kleinen Kerben geprägt ist, ist eine frappierende Ähnlichkeit mit dem alten Karol Wojtyla entstanden.

Nowak isst eine Weißwurst, dann verabschiedet er seine Gäste und begibt sich zu seiner Skulptur zurück, die er zuvor noch fertig nannte. "Nur ein paar Kleinigkeiten noch", sagt er, lacht, und macht sich ans Werk, Schlag um Schlag, Spreißel um Spreißel, tick tick tick. Wirklich fertig ist man ja nie.

KLAUS RAAB (SZ vom 9.3.2007)